Häuser mit Reetdächern sind lebende Kulturdenkmäler und prägen das norddeutsche Landschaftsbild. Sie gehören als Reetdachbesitzer zu den Menschen, die diese Kultur pflegen und erhalten!

Die Pflanze


Reet ist der Mittelpunkt dieser Seite. Alles was Sie auf diesen vielen Seiten finden dreht sich nur um Reet und die damit gedeckten Dächer. So wird es langsam Zeit auch die Pflanze ein wenig näher zu beleuchten.

Reet ist eine Schilfpflanze mit dem Namen „Phragmites australis“. Sie ist verwandt mit Mais, Hafer, Roggen, Gerste und Weizen sowie allen hohen und niedrigen Wiesengräsern. Sogar Bambus lässt sich in diese Aufzählung einreihen.

Es ist die Familie der Süßgräser. In dieser Familie gibt es auf der Erde ca. 300 Gattungen mit ca. 4000 Arten.

Im Sprachgebrauch wird die Pflanze in den unterschiedlichen Regionen auch Rieth oder Rohr genannt. Alle drei Formen sind korrekt und haben sich über Generationen entwickelt. Ebenso die Schreibweise, ob nun mit „ee“, mit „th“ oder andere Varianten.

Üblicherweise wird Reet jährlich geerntet und wächst innerhalb dieses Jahres auf eine Höhe von ca. 3 bis 4 Metern. Die Pflanze bildet eine Wurzel, die im Wasser steht und deren Triebe für den Dachdecker den Rohstoff darstellen. Die Halme sind hohl und sind durch Knoten in Segmente unterteilt. Von diesen Knoten entspringen die Blätter.

Nach den ersten Frösten stirbt die Pflanze ab. Die Halme werden goldbraun bis gelb und verlieren ihre Blätter. Die vollständig abgestorbenen Halme können dann geerntet werden. Dies kann bereits im Oktober beginnen. Traditionell wurde die Ernte jedoch erst im Januar von den Bauern durchgeführt. Dann konnten die Menschen auf den zugefrorenen Wasserfläche gut an das begehrte Baumaterial heran und weniger Mühsam ernten.

Die Elastizität, Festigkeit und Tragfähigkeit machten das Reet widerstandsfähig gegen die Einflüsse aus Witterung, Klima und Nutzung des Gebäudes.  Es verrottet nur langsam, so dass die Reetdächer die bekannten Standzeiten von – in Einzelfällen – bis zu 100 Jahren erreichen können.

Diese Eigenschaften sind im Aufbau des Halmes begründet. Die spezielle Anordnung von verholzten und unverholzten Zellwänden in zwei unterschiedlich ringförmig angeordneten Stützzellschichten sowie der Wasserleitungsbahnen machen den Bauplan des Stengels aus.

Die wesentlichen Bestandteile sind dabei Zellulose, Hemizellulose und Lignin, die in Art und Weise eines modernen Mehrkomponentenbaustoffes die unterschiedlichen Aufgaben wie Steifigkeit und Elastizität übernehmen.

Allerdings lassen diese Materialeigenschaften mit längerer Standzeit des Halmes nach. Überjähriges Reet kennzeichnet sich somit durch eine wesentlich schlechtere Biegsamkeit aus und neigt zum Brechen. Altes Reet ist also ungeeignet für eine Dachdeckung.

Durch die besondere Struktur des Reets zeigen sich jedoch noch weitere Vorteile. Der Aufbau des Halmes als Rohr bedingt, dass ein erheblicher Anteil an Luft eingeschlossen ist. Dies ist das Konstruktionsschema eines modernen Dämmstoffes. So lässt sich erklären, warum unter einem Reetdach ein ganz besonders gutes Wohnklima vorhanden ist. Die Reetschicht von ca. 35 cm stellt eine Wärmedämmung sowohl im Winter als auch im Sommer dar.

Die Verarbeitung des Reets mit der typische Näh- oder Bindetechnik wird im Sprachgebrauch auch „weiche Bedachung“ genannt. Dieser Begriff ist sicher für jeden nachvollziehbar. Er gibt zudem noch einen Hinweis auf einen weiteren Vorteil des Reetdaches. Es ist der Schallschutz. Die elastische Dacheindeckung absorbiert die auftreffenden Schallwellen ohne sie an den Dachstuhl bzw. in den Wohnraum weiterzuleiten. Wagt man einen Blick in den modernen Schallschutz bei Bauwerken findet exakt dieses Konstruktionsschema dort Anwendung.

Aus Gründen des Umweltschutzes wurde die einheimische Gewinnung von Reet in den letzten Jahren erschwert bzw. teils unmöglich gemacht. Dies hat dazu geführt, dass der Markt mittlerweile zu 85 % aus den angrenzenden Nachbarländern beliefert wird.

Die Meinungen zu der Qualität der unterschiedlichen Herkunftsländer ist so vielfältig, wie die einzelnen Orte an denen geerntet wird. Innerhalb eines Reetfeldes unterscheiden sich die Halme in Aufbau und Zusammensetzung bereits nach den unterschiedlichen Jahrgängen ähnlich den bekannten Qualitätsunterschieden von Weinen.

So ist und bleibt der Reetbauer, der Reethändler und insbesondere der Reetdachdecker die entscheidende Schnittstelle, die die Qualität des Reets prüfen muss. Die Anforderungen an das Dachdeckungsmaterial sind erstmals im Produktdatenblatt Reet im Regelwerk des Deutschen Dachdeckerhandwerks beschrieben worden. Diese Beschreibungen basieren auf den Erfahrungen der letzten Generationen der Dachdecker und setzen ein hohes Maß an Kompetenz voraus.

Derzeit werden im Rahmen eines Forschungsprojektes spezifische Anforderungen an das Material Reet erarbeitet, die dann in die allgemeinen technischen Regeln eingearbeitet werden.